Nazijäger: Die Kinder vom Bullenhuser Damm im TV

Nazijäger – Reise in die Finsternis

Seit heute gibt es in der ARD Mediathek ein dreiteiliges Dokudrama über die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm, unter dem reißerischen Titel „Nazijäger – Reise in die Finsternis“ (Regie: Raymond Ley).
Nachdem ich zunächst den Trailer gesehen habe, war ich kurz versucht, die drei, jeweils ca. 30-minütigen langen Filme nicht zu sehen. Aber dann war meine Neugierde natürlich doch zu groß, bei diesem Thema, das mich nun auch schon ein paar Jahre begleitet.

Es ist nicht ganz einfach für mich, diese Serie unvoreingenommen zu sehen und auch zu bewerten. Zum einen habe ich mit meiner eigenen Novelle ebenfalls den Versuch einer fiktionalisierten Darstellung der Geschichte der Kinder unternommen, zum anderen habe ich Andra und Tatiana Bucci im vergangenen Sommer, als sie zu den Dreharbeiten in Hamburg waren, persönlich kennengelernt und ja auch schon vorher mit ihnen Kontakt gehabt, als ich ihr Buch „Wir, Mädchen in Auschwitz“ übersetzt habe.
Ich stecke also in einer gewissen Zwickmühle zwischen dem Respekt für die Zeitzeuginnen und dem Wissen um Tricks und Kniffe, die bei Fiktionalisierungen von wahren Begebenheiten angewendet werden. Dieser Zwiespalt hat mich beim Betrachten des Films nicht eine Sekunde verlassen.

Konfuser Auftakt

Entsprechend den vermeintlichen Ansprüchen an heutige Fernseh-Aufklärung haben die Macher die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm sehr opulent inszeniert. Der Titel „Nazijäger“ mit entsprechenden Untertiteln („Jäger und Gejagte“, „Verlorene Kinder“ und „Der letzte Tag“) irritiert allerdings. Zwar wird im ersten Teil die Arbeit der War Crime Investigation Unit der britischen Besatzungstruppen illustriert, doch scheint zunächst das Spiel mit mehr oder minder bekannten Namen wie Walter Freud, ein Enkel von Sigmund Freud, Rudolf Höß, dem Lagerkommandanten von Auschwitz bis 1943, und Bruno Tesch, dem Lieferanten von Zyklon B, wichtiger zu sein, als die eigentliche Geschichte der Kinder, die erst im November 1944 begann. Entsprechend konfus würde ich den ersten Teil bezeichnen. Es gibt darin Szenen, in denen der in Handschellen gelegte Naziarzt Heißmeyer die Kiste mit seinen medizinischen Unterlagen ausgraben lässt, ohne dass man als Zuschauer erfährt, wer er ist oder wo er die Kiste versteckt hat, noch wann sie ausgegraben wurde (in den 1960er Jahren in Hohenlychen by the way). Ebenso seltsam ist es, wenn Andra und Tatiana von ihrer Zeit in Auschwitz erzählen und sepiagraue Sequenzen von poetisch-heruntergekommenen Räumlichkeiten mit leeren Vogelkäfigen und alten Puppen dagegen geschnitten werden. Nun ja. Es ist eben alles etwas speziell in diesem Zwitterformat Dokudrama – mit dem ich generell Schwierigkeiten habe, hier jedoch besonders, was aber wahrscheinlich daran liegt, dass ich die Geschichte einigermaßen kenne.

Eitle Regiespielereien

In den Teilen zwei und drei liegt der Focus dann tatsächlich mehr auf den Kindern, die von ganz großartigen Kinderdarsteller:innen verkörpert werden. Sie bringen den Betrachtern das Leid der zwanzig Kinder von Bullenhuser Damm herzergreifend nah. Filmtechnisch wird dabei von den Machern noch gehörig nachgeholfen – dramatische Musikuntermalung, kaum Farben bei den Lagerszenen, dann jedoch ein paar Sequenzen, in denen die Kinder plötzlich heutige Kleidung tragen. Auch die Verwandlung der jungen Darsteller:innen in dreckverschmierte Lagerinsassen mit rasierten Haaren wird durch Aufnahmen aus der Maske und Requisite eingeflochten. Das scheinen angesagte filmische Tricks zu sein, die die Fiktion bewusst wieder aufheben und die Zuschauer quasi mit dem Holzhammer daran erinnern sollen, dass das ja alles ein Film ist. Natürlich erschreckt man, wenn die Filmkinder aus dem KZ in der aktuellen Streetwear plötzlich wie die eigenen Kinder oder Nichten und Neffen aussehen. Aber es hätte nicht nötig getan. Das gilt auch für die theatermäßig inszenierten Curiohaus-Prozesse, in denen die angeklagten Verbrecher in ihren Filmkostümen vor einem heutigen Publikum sitzen und in aktuelle Mikrofontechnik sprechen. Das sind für mich Regiespielereien, die völlig vom Thema ablenken und eitel daherkommen.

Was mich zudem im Laufe des Sehens zusätzlich irritiert hat, waren die fiktiven Drehorte. Natürlich können Spielszenen heute nicht an den Originalschauplätzen gedreht werden, aber den Keller der Schule vom Bullenhuser Damm in einen Gewölbekeller mit Hamburger Küchenfliesen zu verwandeln, ist nur bedingt zu ertragen, wenn man die Räumlichkeiten in der Schule kennt (sie können jeden Sonntag besucht werden). Vielleicht bin ich da jetzt zu streng, denn es ändert sich deshalb ja nichts an den schrecklichen Abläufen. Aber es bleibt bei mir ein gewisses Befremden zurück. All das und diverse weitere Kleinigkeiten lässt mich an der Sinnhaftigkeit von Dokudrama in Zeiten, in denen Medien für verfälschende Darstellungen angegriffen werden, extrem zweifeln. Aber darüber müsste an einem anderen Ort diskutiert werden

Wichtige Zeitzeuginnen

Versöhnt mit dem ganzen Projekt haben mich allerdings die eingeflochtenen Erzählungen von Tatiana und Andra Bucci. Während sie durch das Auschwitz Memorial und die Gedenkstätte Neuengamme gehen, holen sie ihre Erlebnisse und die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm direkt zu uns in die Gegenwart. Das ist überaus berührend, vor allem als sie am Ende die kleinen Darsteller:innen treffen, die sie im Film verkörpert haben.
Die Schwestern Andra und Tatiana, beide über 80 Jahre alt, haben sich das Erzählen ihrer Geschichte und der von Sergio, ihrem Cousin, zur Lebensaufgabe gemacht. Sie nutzen jede Gelegenheit, damit die Geschichte der Kinder von Auschwitz und vom Bullenhuser Damm nicht in Vergessenheit gerät. Dafür kann man den beiden nur zutiefst dankbar sein und hoffen, dass sie das noch ganz oft können und ganz viele Menschen ihnen dabei zuhören!

Das Doku-Drama „Nazijäger“ ist hier abrufbar. Am 16. Januar 2022 läuft es um 21.45 Uhr in der ARD Das Erste.

Das Memoire „Wir, Mädchen von Auschwitz“ von Andra und Tatiana Bucci ist bei Nagel & Kimche in meiner Übersetzung erschienen.

Nachtrag vom 17.01.2022: Die am gestrigen Abend ausgestrahlte Fassung im Ersten war eine gekürzte Version der oben beschriebenen Filme. Das hat m. E. das Ganze nicht besser gemacht. Wenn ich es recht erinnere, sind selbst Szenen mit den Bucci-Schwestern gekürzt worden – und um die ist es wirkliche schade. Das Dokumentarische ist hier sehr viel weniger geworden, sodass ich mich frage, warum die Macher:innen dann nicht gleich einen Spielfilm gedreht haben.

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