Francesco Forgione aka Padre Pio

Francesco, der Hipster unter den Heiligen.

Die männliche Hauptfigur von „Glaube Liebe Stigmata“ ist – wie ja schon das Bild oben auf dieser Site zeigt – der italienische Heilige Padre Pio. Er ist folglich eine der real existierenden Personen in der Geschichte. Im Netz finden sich massenhafte Berichte über ihn, vor allem im katholischen und italienischen Kontext.

Hier möchte ich eher kurz die Eckdaten aus dem Leben des Padre rekapitulieren und ein bisschen darüber plaudern, was ich in meinem Roman aus seinem Leben ausgewählt habe.
Geboren wurde Francesco am 25. Mai 1887 in süditalienischen Dorf Pietrelcina, in Kampanien. Seine Eltern, Grazio Forgione und Maria Giuseppa di Nunzio hatten ingesamt acht Kinder, von denen jedoch drei im Säuglings- bzw. Kindesalter starben. Eines davon war der „erste Francesco“, der mit nur 19 Tagen verstarb. Francesco Mutter, die den Heiligen Franziskus sehr verehrte, benannte ihren nächsten Sohn wieder nach dem Heiligen. Daher gab es in der Familie Forgione im Grunde zwei Francescos.
Die überlebenden Kinder waren der große Bruder Michele und die drei jüngeren Schwestern Felicità, Pellegrina und Grazia. Da diese Kinder noch lebende Nachkommen haben, habe ich sie im Roman umbenannt in Matteo, Chiara, Flora und Pasqualina.

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Francesco als etwa 11-Jähriger. Ob er es wirklich ist, ist nicht gesichert. Es gibt keine Infos zu diesem Foto.

1889, mit elf Jahren bekam Francesco Privatunterricht bei Domenico Tizzani für fünf Lire pro Monat, nach drei Jahren wechselte er zu Angelo Caccavo. Da fünf Lire damals viel Geld war, wanderte sein Vater nach Brasilien und Nordamerika aus, kehrte aber schließlich nach Italien zurück – etwas, das ich im Roman weggelassen haben. Ebenfalls hab ich auf Tizzani verzichtet, sondern nur Angelo Caccavo in abgewandelter Form als Francescos Lehrer eingeführt. Da ein reales Leben voll mit Menschen ist, die einen länger oder kürzer begleiten, ist auch Francescos Leben und das, was davon dokumentiert ist, voll unzähliger Wegbegleiter, die in einem Roman jedoch  zumeist nur Verwirrung gestiftet hätten. So habe ich versucht, mich auf die wichtigsten Weggefährten zu beschränken.

Das Buch von Gemma Galgani, Lettere ed estasi della serva di Dio, ist ursprünglich erst 1909 erschienen. Francesco hat es als Erwachsener gelesen und später unzählige Textstellen in seinen eigenen Briefen kopiert. Mir liegt eine komplette Abhandlung über seinen Plagiat vor. Das finde ich als Faktum zwar äußerst interessant, für die Geschichte jedoch hätte es kaum Bedeutung gehabt und wäre sehr akademisch geworden. Ihn das Buch schon als Schüler lesen zu lassen und ihm so eine Idee der Stigmata zu vermitteln, passte für mich besser in den Plot.

Tatsächlich jedoch ist Francesco als Kind  einem Kapuziner begegnet, Fra Camillo da Sant’Elia a Pianisi, der im Kloster von Morcone lebte. Er wurde für Francesco zum inspirierenden Vorbild, selbst Mönch zu werden. Angeblich hat er seinen Eltern gesagt, dass er Mönch werden will mit einem Bart wie Fra Camillo. Diesen Wunsch hat er dann bekanntermaßen auch umgesetzt.
Da ich bei dem Namen Camillo jedoch immer an die alten Don-Camillo-und-Peppone-Filme denken muss, habe ich diese Figur in Carmelo umbenannt.

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Francesco 1911 als junger Priester.

So beginnt Francesco im Januar 1903 sein Noviziat im Kloster von Morcone. Dort ändert er seinen Namen in Fra Pio. Er zeichnete sich durch seinen Gehorsam und sein intensives Gebet aus. Neben den Messen und Gebeten zählten auch Selbstkasteiung zu den Abläufen im Kloster. So wollten die Mönche der Passion Christi näher kommen.

Anders als im Roman war nicht Padre Carmelo (Fra Camillo) Francescos Vertrauter und spirituelle Leitfigur, sondern Padre Benedetto aus dem Kloster San Marco in Lamis und später Padre Agostino aus demselben Kloster. Mit beiden tauschte er im Laufe der Jahre unzählige Briefe aus, deren Inhalt nur bedingt romantauglich sind. So habe ich Ansätze dieser Padres in der Figur von Padre Carmelo zusammengefügt.
Im Februar 1904 endete das Noviziat, und Francesco begann mit dem Studium für das Priesteramt.

Es folgen Jahre, in denen er immer wieder die Klöster wechselt, in keinem wirklich ankommt. Er geht nach Sant Elia a Pianisi, nach San Marco la Cataldo, nach Venafrò und Campobasso. Die ersten Gerüchte von seinen Kämpfen mit Satan kommen auf. Francesco wird immer wieder krank und kehrt nach Pietrelcina zu seiner Mutter zurück.

Am 10. August 1910 wurde er zum Priester geweiht, mit nur 23 Jahren. Er hatte eine Sondergenehmigung erwirkt, denn das Mindestalter für das Priesteramt war 24 Jahre. Francesco jedoch fürchtete aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit, dass er bald sterben würde.

Nach der Weihe in Benevento kehrt er nicht in ein Kloster zurück, sondern blieb in Pietrelcina mit der Genehmigung, außerhalb eines Klosters leben zu dürfen. Dort lebte er in einem Zimmer mit Namen „La Torretta“. In seinem Heimatdorf las er die Messe und erhielt 1914 die Erlaubnis, die Beichten abzunehmen. Dort wurde auch dokumentiert, dass Francescos Messen jedoch immer zu lang waren.

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Francesco als Soldat im 1. Weltkrieg.

Am 23. Mai 1915 trat Italien in den ersten Weltkrieg ein. Anfang November wurden die Jahrgänge 1886 und 1887 eingezogen, auch Priester und Mönche mussten zur Musterung antreten. Insgesamt verbrachte Francesco 182 Tag in der Armee, obwohl bei ihm Tuberkulose festgestellt wurde. Vom Militärkrankenhaus in Caserta wurde er nach Neapel geschickt. Zwischenzeitlich wurde Francesco immer wieder nach Hause entlassen, um sich zu erholen.

Mit anderen Worten: Francesco war in all diesen Jahren eigentlich ständig unterwegs, etwas das im realen Leben durchaus nachvollziehbar ist, in einem Roman aber ab einem bestimmten Punkt nicht mehr vermittelbar ist. Es würde die Leser_innen in höchstem Grade verwirren. So habe ich beschlossen, diese Perioden zu raffen, zusammenzufassen, übersichtlicher zu gestalten – und eher Francescos zunehmende Psychose darzustellen und ihn schließlich auf die Spur mit den Selbstverletzungen zu setzen. Dass er sich schon im Krankenhaus die Chemikalien für seine späteren Stigmata besorgt, ist pure Fantasie.

Fakt wiederum ist, dass Francesco nie zum Fronteinsatz musste und schließlich lungenkrank im Krankenhaus in Neapel lag. Hier lasse ich ihn auf den Arzt Giuseppe Moscati treffen, auch dieser eine reale Figur und Heiliger aus Neapel. Es ist nicht belegt, dass die beiden sich tatsächlich begegnet sind.
Im März 1918 wurde Francesco schließlich ehrenhaft aus der Armee entlassen und trat in das Kloster Santa Maria delle Grazie in San Giovanni Rotondo ein, in dem er zuvor schon einige Zeit verbracht hatte. Er sollte dieses Kloster bis zu seinem Tod, 1968, nicht mehr verlassen.

Im September 1918 wütete die Spanische Grippe in Italien, allein in San Giovanni Rotondo starben 200 Menschen. Im angeschlossenen Seminar, in dem Francesco jungen Schülern Unterricht erteilte, waren viele der Jungs krank. Man benutzte, da Alkohol nicht erhältlich war, Karbolsäure zum Desinfizieren. Es ist belegt, dass Francesco über Maria De Vito heimlich die Säure bei deren Cousin Valentini Vista, einem Apotheker in Foggia, geordert hat, dazu noch vier Gramm Veratrin. Im Roman sorgt Maria De Vito für den Nachschub.

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Francesco mit den sichtbaren Stigmata, August 1919.

Die „Stigmatisierung“ von Francesco fand am 20. September 1918 statt. Darüber, wie es angeblich abgelaufen sein soll, gibt es diverse Varianten. Da heißt es dann, Francesco habe anfänglich nichts gesagt, niemand habe etwas bemerkt, nur ein paar von seinen weiblichen Glaubenstöchtern hätten Veränderungen festgestellt.

Vor dem Kloster, ca. 1919. Padre Pio segnet die Menge aus dem Fenster über dem Klostereingang.

Hier habe ich mir erlaubt, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen, und versucht, einen möglichen, plausiblen Ablauf zu konstruieren.
Dass sich die Nachricht von den Stigmata sehr schnell im Land verbreitet, ist wiederum belegt.

Die Pilgerströme nach San Giovanni Rotondo setzen in den kommenden Monaten ein, die Presse berichtet immer öfter über Francesco. Er war geheimnisvoll, darüberhinaus der erste Priester, der die Stigmata trug, am Leben war und öffentlich wirkte. Er wurde zum Popstar seiner Zeit, könnte man sagen, der zudem noch ein tadelloses, frommes Leben führte.
In dieser Zeit entstanden auch die ersten Fotos von Francesco mit den Stigmata, die dann natürlich den Hype um seine Person noch anheizten. So wie Mary im Roman schließlich auf ein Foto von ihm stößt und diesem Foto einen Wahrheitsgehalt zuschreibt – etwas, das wir heute in Zeiten von Photoshop und Fake News nur noch vielleicht nicht mehr ganz so schnell und naiv tun würden.

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Francesco als Priester, ca. 1920.

Natürlich wurden nicht nur die Gläubigen und die Presse auf Francesco aufmerksam, der Vatikan bekam natürlich sehr schnell mit, was da in Süditalien ablief. Denunzierende Briefe taten das Ihrige, dass der Vatikan sich schließlich zum Handeln gezwungen sah. So ließ der Vatikan Francesco mehrmals von Ärzten untersuchen, darunter Luigi Romanelli, Raffaele Carlo Rossi und auch der Priester und Wissenschaftler Agostino Gemelli, dem Gründer der Katholischen Universität in  Mailand. Alle drei habe ich namentlich eingeführt, mir aber bei den Abläufen Freiheiten genommen. Sergio Luzzatto, der in seiner historischen Biografie über Padre Pio ausführlich berichtet, hat aus den Akten zitiert, an denen ich mich wiederum orientiert habe. Auch hier war es erneut so, dass die Masse an realen Fakten im Roman eher hinderlich waren, und ich versucht habe, mich auf das Wesentliche zu beschränken, ohne es jedoch herabzuspielen. Das war eine gewisse Gratwanderung.

Fakt ist dann wieder, dass aus diesen Untersuchen resultierte, dass der Vatikan Francesco von 1923 bis 1933 mit schweren Sanktionen belegte. Er durfte keine Messen lesen und keine Beichten hören. Er sollte keinen Kontakt zu den Gläubigen pflegen, durfte auch keine Briefe beantworten. Letzteres habe ich ihm im Roman erspart. Dass Francesco fortgebracht werden sollte und sich die Bewohner San Giovanni Rotondos dagegen aufgelehnt haben, habe ich mir nicht ausgedacht. In einem anderen Zusammenhang erwähnt Padre Pio in einem Brief den Vorfall, dass ein Bewohner eine Pistole auf ihn gerichtet hat und den Satz: „Lieber tot bei uns, als lebend bei den anderen“, gerufen hat.

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Francesco mit verdeckten Stigmata.

In dieser Zeit allerdings tritt Mary Pyle in sein Leben, von der ich in einem nächsten Eintrag berichten werde. Den Gerüchten zufolge soll der Satz: „Reise nicht mehr weiter, meine Tochter, bleibe hier“ tatsächlich zwischen den beiden gefallen sein. Doch selbst wenn nicht, diese Anekdote war zu schön, um sie nicht zu nutzen.

Nachdem der Vatikan schließlich Francescos Strafen in einem Gnadenakt aufhob, kehrte er zu seinem gewohnten Leben als Priester zurück. Hier endet mein Roman, da ich diesen Moment als persönlichen Sieg Francescos über den Vatikan betrachte. Die nachfolgenden Jahre Francescos fand ich – trotz Faschismus in Italien und dem 2. Weltkrieg – dann persönlich nicht mehr so spannend. Es wird eine neue Kirche eingeweiht und in den 50er-Jahren lässt Francesco mit den Spendengeldern, die die Pilger im Kloster lassen, ein Krankenhaus bauen, das für das damals immer noch arme Süditalien einen enormen Fortschritt bedeutete. Damit hat Francesco vor allem an der Darstellung seines frommen und gottgefälligen Lebenswandel gearbeitet.

Zwei Anekdoten jedoch habe ich aus späteren Zeiten im Prolog und im Epilog verarbeitet. Da ist die Begegnung mit Karol Wojtyla, der 1948 als junger Doktorand nach San Giovanni Rotondo reist und Francesco trifft. Dieser soll ihm dann angeblich seine Papstschaft prophezeit haben.

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Francesco und Mary im hohen Alter.

Zudem haben mich die Todesdaten von Mary Pyle und Padre Pio erstaunt und für ihre zarte, uneingestandene Liebesbeziehung sensibilisiert. Mary Pyle starb am 26. April 1968, der Padre am 23. September 1968, keine fünf Monate nach ihr. Seite Mary im Jahr 1923 nach San Giovanni Rotondo gekommen war, hatten die beiden als 45 Jahre zusammen verbracht. Wie ein altes Ehepaar, bei dem schließlich der eine ohne die andere nicht mehr leben konnte.

Vieles aus Francescos Leben habe ich ausgelassen – die vielen Menschen, mit denen er kommunizierte, Briefe schrieb, die Gebetsgruppen, die sich ihm zu Ehren gründeten, die Geschäftemacher, die von seinem „Erfolg“ profitieren wollten, seine nicht ganz klare Rolle im Faschismus. Und natürlich all die Wunder, die ihm von allen Seiten zugesprochen wurden, die er angeblich gewirkt haben soll. All diese Dinge kann man anderer Stelle nachlesen und sich selbst ein Urteil bilden. Nach der langen Zeit, die seit dem Schreiben vergangen ist, habe ich zudem fast Schwierigkeiten, alle Stellen wiederzufinden, die mir als Inspiration gedient haben – damals habe ich einfach nicht daran gedacht, dass es mal so eine Buch-Site geben würde, auf der ich solche Dinge ausplaudere. Also seid bitte gnädig, wenn ich hier keine vollständige Dokumentation abliefere.

Die wichtigste Quelle für die meisten Fakten in meinem Roman ist:

Sergio Luzzatto: Padre Pio. Miracoli e politica nell’Italia del Novecento, Einaudi, 2007, nicht ins Deutsche übersetzt.
Die unzähligen weiteren Bücher und Websites, die ich über Francesco gelesen habe, fallen eher in die Kategorie Hagiografie und sind daher auch nur mit Vorsicht zu genießen.

 

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